Irren ist menschlich - Über den Umgang mit psychisch kranken Menschen

Irren ist menschlich - sagt ein Sprichwort und meint, daß unser Denken und Handeln von alltäglichen Irrtümern durchzogen ist: Niemand kann von sich sagen, daß er noch nie etwas vergessen hat, nicht auch wirren Gedanken nachgehangen hat, daß seine Gefühlswelt noch durch nichts durcheinander gebracht wurde ...


Wenn es jedoch um den Umgang mit seelisch kranken Menschen geht, so tun wir uns schwer. Psychische Erkrankungen erscheinen uns unheimlich, machen uns verlegen, wir reagieren ängstlich und möchten wenn möglich diesen Menschen aus dem Weg gehen.

Vorurteile und Halbwissen

Eine Ursache hierzu ist, daß wir selbst über psychische Erkrankungen wenig Bescheid wissen und so auch bestimmte Krankheitsbilder schlecht einschätzen können. Das liegt allerdings auch daran, daß das ärztliche Wissen um psychische Erkrankungen noch recht neu ist und adäquate Behandlungsmethoden erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt wurden. So verwundert es nicht, daß psychisch kranken Menschen aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden. Die grausame Spitze war die Ermordung der psychisch Kranken im Nationalsozialismus - und diese Verbrechen liegen nun gerade 50 Jahre zurück.

Psychische Erkrankungen unterschiedlichster Art

Medizinisch gesehen gibt es eine breite Palette psychischer Störungen und Erkrankungen. Da sind die neurotischen Störungen, also Erkrankungen, die als Folge von unverarbeiteten Erfahrungen oder von Beziehungsstörungen, auftreten. Wenn körperliche Symptome durch die seelische Belastung ausgelöst werden, so spricht man von psychosomatischen Erkrankungen: Lang anhaltendes seelisches Leiden wirkt sich auf Körperfunktionen aus. Ärger, "der auf den Magen schlägt" kann Magengeschwüre auslösen, um ein bekanntes Beispiel zu nennen.

Psychosen

Bei der Gruppe der Psychosen liegen Veränderungen der gesamten Persönlichkeit vor. Die Ursachen dieser Wesensveränderungen können unterschiedlich sein: Man spricht von einer exogenen Psychose, wenn eine körperliche Erkrankung die Psychose verursacht, das kann sowohl eine Durchblutungsstörung des Gehirnes sein, als auch eine Hirnverletzung oder aber, und das ist vielfach der Fall, der Mißbrauch von Alkohol oder anderen Suchtmitteln.

Schizophrenie, und manisch-depressive Erkrankung: endogene Psychosen

Zu den endogenen Psychosen (endogen = von innen entstehend) zählt die Schizophrenie und die manisch-depressive Erkrankung. Die Ursachen dieser Psychosen liegen in einer Stoffwechselstörung des Gehirnes, die genauen Zusammenhänge sind noch unklar, es scheint eine erbliche Disposition (Vorbelastung) vorzuliegen. Diese allein genügt jedoch nicht. Es kann zur akuten Erkrankung kommen, wenn der Mensch mit einer belastenden Situation, einem schweren Konflikt oder mit starkem Streß konfrontiert wird.
Die akute Psychose äußert sich bei vielen Patienten in Wahrnehmungsstörungen, die betroffenen Menschen hören Stimmen, fühlen sich beobachtet, verfolgt, bei anderen Psychosen sind es Bewegungsstörungen oder lang anhaltende Erregungszustände, in denen sich die Krankheit zeigt. Bei den manisch-depressiven Erkrankungen treten extreme Stimmungs- und Antriebsschwankungen auf, in denen sich die Krankheit äußert. Der manische Patient ist überaktiv, in gehobener Stimmung bis hin zu extremer Selbstüberschätzung, die zu Größenwahn führt. Der Bezug zur Realität geht verloren, so daß finanzielle Eskapaden und Schulden oft die Folge sind. Der manische Patient fühlt sich gesund, er erlebt eine Steigerung seines Selbstwertgefühles und es ist daher schwierig, wenn nicht gar unmöglich, ihn von der Notwendigkeit einer Behandlung zu überzeugen: in der akuten Phase ist keine Krankheitseinsicht vorhanden.

In der depressiven Phase ist der Patient hingegen antriebslos, Trost und Zuwendung helfen nicht. Die täglichen Verrichtungen, selbst Waschen und Essen, kosten große Anstrengung. Von sich aus veranlaßt der Kranke keine Behandlung - ihm fehlt dazu die Energie. Unvorstellbare Ängste begleiten ihn. Selbstmordandeutungen sollten daher immer ernst genommen werden und gerade in den Phasen wo eine Besserung eintritt, der Patient also wieder eigenen Antrieb entwickelt, ist die Suizidgefahr groß. Tritt eine akute Psychose bei einem Menschen zum ersten Mal auf, so sind die Heilungschancen gut. Allerdings müssen nach einem Klinikaufenthalt Medikamente über einen längeren Zeitraum regelmäßig eingenommen werden. Gesunde Ernährung, wenig Streß, eine geregelte Lebensweise sind hilfreich. Von Psychotherapien, die aufdeckend und daher oft mit einer erheblichen psychischen Anspannung verbunden sind, wird abgeraten, sie führen eher wieder in eine akute Phase der Krankheit.

Psychoseerkrankung und gesetzliche Betreuung

Werden Medikamente abgesetzt, so kommt es oft zu weiteren Krankheitsschüben, die Psychose wird chronisch. Dann ist es vielfach notwendig, daß eine gesetzliche Betreuung eingerichtet wird. Der psychisch Kranke kann allein seine Angelegenheiten nicht regeln.

Aufgaben des Betreuers

Wenn der Betroffene keine Krankheitseinsicht hat, so muß der Betreuer sich um die ärztliche Behandlung bemühen, bis hin zur Einweisung in die psychiatrische Klinik. Finanzielle Dinge sind zu regeln, Verhandlungen mit Gläubigern, dem Vermieter ... der Antrag auf Finanzierung einer Reha-Maßnahme ist zu stellen. Angehörige oder ehrenamtliche Betreuer sind damit oft überfordert. Der Sozialdienst der Klinik kann hier vieles regeln, entsprechende Fachdienste (wie der Sozialdienst des Gesundheitsamtes, ein Psychosozialer Dienst) sollten mit eingeschaltet werden.

Wohnen, Arbeit und Freizeit

Und nach dem Klinikaufenthalt: Wo wird der kranke Mensch wohnen? In den seltensten Fällen wird er ohne sozialpsychiatrische Betreuung zurecht kommen. Es bieten sich das "Betreute Wohnen" (in einer Wohngemeinschaft) oder auch entsprechende Heime an.
Ist eine Eingliederung ins Berufsleben nach der Krankheit möglich, in welchem Beruf, in einer Werkstatt für psychisch Kranke? Selbst wenn der Betroffene die Erkrankung gut überstanden hat, so tun sich Arbeitgeber schwer, ehemals psychisch kranke Menschen einzustellen.

Diejenigen, die nicht erwerbsfähig sind, brauchen nach dem Klinikaufenthalt neben der medizinischen Hilfe Unterstützung für die Bewältigung des Alltages: z.B. eine Tagesstätte, in der sie einer leichten Beschäftigung nachgehen können, in der sie Kontakte zu anderen Menschen finden können um der Einsamkeit (damit verbunden oft auch ein Rückfall in die Psychose) zu entgehen. Ist der Tag strukturiert und wird die medizinische Behandlung kontinuierlich beibehalten, so ist auch mit der chronischen Erkrankung ein zufriedenes Leben möglich!

Das Konzept der gemeindenahen Psychiatrie

Die überfällige Reform der Psychiatrie versucht den kranken Menschen in seiner gewohnten Umgebung zu belassen und ihm nach einem notwendigen Klinikaufenthalt vor Ort Hilfe zukommen zu lassen. Die Bettenzahlen in den Landeskrankenhäusern werden daher abgebaut, so auch Trend in der Pfalzklinik in unserem Einzugsbereich. Ein differenziertes Angebot soll den unterschiedlichen Krankheitsbildern gerecht wird: Tagesklinik, Tagesstätten, Betreutes Wohnen, Ambulante Dienste zur Krisenintervention, die Werkstatt für Psychisch Kranke ... Diese Entwicklung ist in einigen Städten und Lankreisen weiter vorangeschritten als in anderen. Im Kreis Südliche Weinstraße wurde in den letzten Jahren eine breit gefächerte psychiatrische Infrastruktur aufgebaut (initiiert durch das Modellprojekt "gemeindenahe Psychiatrie"). Im Landkreis Germersheim, gerade nebenan, steckt diese Entwicklung noch ganz in den Anfängen.

Die menschliche Komponente

Auch wenn Einrichtungen einen wichtigen Beitrag zu Genesung leisten: Der psychisch Kranke braucht zu allererst verläßliche Beziehungen. Denn wenn im Innenleben oft manches "drunter und drüber geht" so ist es wichtig, daß ein Partner, Angehörige, Freunde oder auch ein gesetzlicher Betreuer da sind, die verläßlich zu einem stehen. Dazu gehört es auch, daß der Betreuer die realistische Sicht einbringt, wenn der Psychosepatient diesen Blick verloren hat.
Den kranken Menschen ernst nehmen, das ist der Leitgedanke im persönlichen Umgang. Wenn auf Grund der Schwere der Erkrankung angenommen werden muß, daß der Betroffene nicht geschäftsfähig ist, so ist dieser trotzdem kein Kind sondern ein erwachsener Mensch, dessen Wünsche zu berücksichtigen sind, der mit an der Planung seiner Zukunft beteiligt werden muß: Nicht über den Betroffenen reden - mit ihm!

Angehörige brauchen Rückhalt

Für Angehörige ist die psychotische Erkrankung eines Menschen ein schwerer Schicksalsschlag. Es sind einerseits die Stigmatisierung der Umgebung und andererseits die tägliche Belastung mit den oft unberechenbaren Reaktionen des psychisch kranken Menschen, die zu schaffen machen. Wer mit Psychosepatienten umgeht muß sich klar machen, daß Reaktionen des kranken Menschen nicht Ausdruck einer Bösartigkeit sondern Ausdruck der Krankheit sind. Auf der anderen Seite hat aber auch der kranke Mensch ein Stück Eigenverantwortung für sich selbst und für sein Tun - es wäre hier falsch alles auf die Erkrankung abzuschieben. Wo die Grenze liegt, darüber müssen sich im konkreten Einzelfall die Beteiligten auseinander setzen.
Für Angehörige ist es zu allererst wichtig, daß sie sich selbst mit der Erkrankung befassen und sich selbst informieren. Die Krankenkassen, Ärzte, Betreuungsvereine und nicht zuletzt die Pfalzklinik sind wichtige Anlaufstellen. Beratungsstellen werden von den Wohlfahrtsverbänden, so auch vom Caritas-Verband, unterhalten.

Der Austausch mit anderen Betroffenen ist ebenfalls wichtig: Ich bin nicht allein, andere teilen das gleiche Schicksal, ich kann von anderen Tips und Unterstützung erhalten. Eine Selbsthilfegruppe leistet hier wichtige Dienste und gibt Rückhalt, der Blick kann wieder frei werden für Dinge des eigenen Lebens.


Auto: Wolfgang Schuch